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Andyra

Label: Timezone Records

  1. Warten
  2. Das Lied des Fauns
  3. Rastloser Geist
  4. Zwischen den Welten
  5. Die Opfergabe
  6. Die Drachenreiter
  7. Avalon
  8. Holt das Fass

Geschichte zu: „Die Opfergabe“

Misstrauische und abweisende Blicke empfingen mich, als ich das Dorf betrat, indem ich bereits einige Male zu Gast gewesen war. Leute, mit denen ich schon des Öfteren gesungen und gelacht habe, wandten sich von mir ab, verschlossen Fenster und Türen vor mir. Eine bedrückte Stimmung breitete sich in mir aus, als ich nun so durchs Dorf schlenderte, auf der Suche nach einem Nachtlager. Ich konnte mir das seltsame Verhalten, der sonst recht offenen Bewohner dieses Dörfchens nicht erklären. Eine weitere Nacht unter freiem Himmel wollte mir gar nicht behagen, vor allem da es nach Regen aussah. So steuerte ich auf das Haus des hiesigen Schusters zu, ein stets gut gelauntes Männlein, mit dem ich schon den einen oder anderen Humpen gehoben hatte und den ich mittlerweile als guten Freund bezeichnen würde. Doch auch dieser öffnete nur widerwillig seine Tür auf mein beharrliches Pochen hin. Auch er wollte meine Bitte auf ein Nachtlager ablehnen, entschied sich dann jedoch nach einem kurzen Blick in den wolkenverhangenen Himmel eines Besseren und wies mir einen Schlafplatz in seiner Werkstatt zu. Allerdings musste ich ihm noch versprechen das Dorf noch vor Sonnenaufgang wieder zu verlassen und weiter zu ziehen. Als der sonst so redselige Schuster mich dann ohne viele Worte verließ, um selbst sein Schlaflager aufzusuchen, befiel mich ein ungutes Gefühl.

Natürlich war es bereits nach Sonnenaufgang, als ich vom Nachtlager hoch kam. Geweckt hatte mich jedoch nicht der Regen, der auf das Dach trommelte, sondern ein Stimmengewirr, das vom Dorfplatz her zu vernehmen war. Ich öffnete den Fensterladen der Werkstatt einen Spalt breit, um mir den Grund dieser doch recht frühen Versammlung anzusehen. Da standen sie die Dörfler, zusammengedrängt und mit hängenden Köpfen. Vor ihnen, auf einer freien Fläche erkannte ich den Büttel und die beiden Ältesten des Dorfes. Einer der beiden Ältesten, eine von Jahren und dem Schicksal gezeichnete, gebeugte Gestalt, griff gerade in einen Lederbeutel und zog ein kleines Stück Pergament hervor. Er entrollte es langsam, las kurz und ließ dann seinen suchenden Blick über die unruhige Menge schweifen. Seine traurigen Augen blieben an einem kleinen, blonden, ungefähr zwölf Lenze zählenden Mädchen hängen. Mit einem verzweifelten Aufschrei brach das Mädchen zusammen und versank in ein haltloses Schluchzen. Die Menge verstummte und man hörte nichts als das Wimmern des Mädchens und den Regen, der stätig auf die starr dastehenden Versammelten herabprasselte. Etwas Bewegung kam in die Schar, als sich ein Hüne von einem Mann mit einem wettergegerbten Gesicht und Händen wie Bärentatzen von ihnen löste und zu dem Mädchen trat. Mit versteinerter Miene blickte der Mann, den ich als Schmied des Dorfes kannte auf das Mädchen herab, das seine Tochter sein musste. Wortlos, aber mit glitzernden Tränen in den Augen hob er das noch immer wimmernde Bündel hoch, bettete es an seine Brust und wandte sich in Richtung Dorfausgang.

Schweigend und mit kummervoll dreinblickenden Gesichtern sahen sie den beiden nach, wie sie das Dorf verließen und auf den Wald und das weit dahinter liegende Gebirge zusteuerten. Langsam löste sich die Menge auf und der Dorfplatz leerte sich. Vollkommen ratlos über das soeben Gesehene raffte ich mein Bündel zusammen und schlich mich ebenfalls aus dem Dorf, dem Schmied und seiner Tochter hinterher. Ich hielt mich stets so weit hinter den beiden, um nicht bemerkt zu werden, aber sie trotzdem nicht zu verlieren. Den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein folgte ich dem Schmied, der noch immer seine Tochter trug, und es wurde immer schwieriger die beiden, auf den verwachsenen und verwurzelten, im düsteren Zwielicht des Waldes fast nicht mehr erkennbaren Waldpfaden nicht zu verlieren. Das Gefühl von Unbehagen, das wie feuchte Kälte meine Glieder herauf zog und sich in mir breit machte, wurde immer stärker und wuchs zu einer klammen Furcht und einer ständig wachsenden Abneigung diesem Ort gegenüber. Nicht nur einmal überlegte ich mir umzukehren und mein Heil in der Flucht zu suchen. Rein die Neugier und das fehlende Verständnis um das seltsame Verhalten des Schmieds und das ungewisse Schicksal des kleinen Mädchens bewegten mich weiter einen mühsamen Schritt vor den anderen zu setzen und den beiden zu folgen. Längst schon hatte ich sie aus den Augen verloren, nur das Rascheln von Blättern und das Zerbrechen von Ästen verrieten mir, wohin ich mich zu halten hatte. Als dieses plötzlich verstummte und sich anstatt dessen eine beklemmende Stille, in der nur mein unregelmäßiger, keuchender Atem zu hören war, einstellte, hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl vollkommen alleine in diesem finsteren, von etwas Unnatürlichem beseelten Wald zu sein. Da vernahm ich ein schabendes Geräusch, wie Eisen, das über Stein geschoben wird, gefolgt von einem Kettenklirren. Bei diesem Geräusch stellten sich meine Nackenhaare auf und ein eisiger Schauer rann meinen Rücken hinab. Ich nahm allen Mut zusammen und schlich so leise es mein erschöpfter und geschundener Körper zuließen, in die Richtung, wo ich das Geräusch vermutete. Nach ungefähr weiteren fünfzig Schritten erreichte ich den Rand einer kleinen, von fahlem Mond beschienenen Lichtung, in deren Mitte sich ein mannshoher Fels befand. Verborgen im Dickicht am Rande der Lichtung beobachtete ich, wie der Schmied seine nun wieder leise wimmernde Tochter mit zwei schweren Ketten an den Felsen fesselte. Grauer, nach Fäulnis riechender Nebel stieg vom sumpfigen Waldboden auf und tauchte die ganze Szenerie in etwas Unwirkliches, vom menschlichen Verstand nur schwer Erfassbares. Nur das Gefühl von Tod und Verderbnis, das Gefühl einer bösartigen, nach jungen Leben gierenden, göttlichen Präsenz war allgegenwärtig und drohte mich zu überschwämmen und Besitz von meinem Geist zu übernehmen. Ich musste all meine Willensstärke aufbringen, um mich nicht diesem Gefühl hinzugeben oder einfach schreiend aufzuspringen und davon zu laufen. Der Schmied, der diese Präsenz ebenfalls spüren musste, hantierte immer fahriger an den Ketten herum. Nachdem er damit fertig war, riss er noch einen Streifen Stoff von seinem Hemd und verband damit die Augen seiner Tochter. Diese begann nun lauter zu schluchzen und ein Ausdruck des Entsetzens und des Unverständnisses standen ihr ins Gesicht geschrieben. Mit einer sanften Geste strich der Schmied über das blonde Haar seiner Tochter, bevor er sich von ihr abwandte. Im tränenfeuchten Gesicht des Schmieds erkannte ich einen Ausdruck unsäglichen Kummers und Verzweiflung, als er gebeugten Schrittes die Lichtung verließ und im Wald verschwand.

„Vater, Vater, warum lässt du mich alleine?“ So viel Angst, Vorwurf und Unverständnis lag in den schluchzenden Worten des Mädchens, dass es auch mir fast das Herz zerriss. Ich verstand die Welt nicht mehr und den Grund für dieses grausame Treiben. Da lag das arme Geschöpf an den Fels gefesselt, wie auf einem Opfertisch und verging fast vor Furcht. Welcher unheilige Pakt mit den dunklen Göttern bewirkte ein derartig grausames Verhalten beim Schmied und den anderen Dorfbewohnern, die wissen mussten, was hier passierte.

Ich wollte schon aus meinem Versteck heraustreten, um diesem Leid ein Ende zu machen, da senkte sich plötzlich eine alles umfassende Dunkelheit auf die Umgebung herab und hüllte sie vollständig ein. Ich spürte die unmittelbare Gegenwart dieser bösartigen, göttlichen Präsenz und nacktes Entsetzen ergriff mich und hüllte meinen Verstand wie ein dunkler Nebel ein. Ich sank zu Boden und das Bewusstsein drohte zu schwinden. Aus weiter Ferne, wie ein Echo in meinem Geist hörte ich noch das verzweifelte Kreischen des Mädchens. Es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, als ich wieder zu mir kam und meine Umgebung einigermaßen klar wahrnehmen konnte. Es war totenstill um mich herum. Das Gefühl der Anwesenheit der bösen, alles verschlingenden Präsenz, das wie ein Schatten auf meiner Seele gelegen hat, war etwas zurückgewichen, aber noch nicht zur Gänze verschwunden. Was es an diesem Ort wahrscheinlich auch nie würde. Langsam richtete ich mich auf und wandte widerwillig meinen Blick auf die Lichtung und den Felsen. Er war leer. Nur vor dem Felsen am Boden lag blutgetränkt, das Stück Stoff, mit dem der Schmied seiner Tochter die Augen verbunden hatte. Ohne einen klaren Gedanken zu fassen, einfach einem Instinkt gehorchend sprang ich auf, rannte mit zwei, drei Sätzen zum Felsen, hob den Stoff hoch und lief dann so schnell mich meine Beine trugen und es der Wald zuließ weg von diesem Ort des Todes.

Lange überlegte ich, was ich nun tun sollte. Schlussendlich, einem unbewussten Gedanken gehorchend, kehrte ich doch in das Dorf zurück. In meiner verkrampften Hand hielt ich noch immer die blutige Erinnerung an das soeben erlebte. Es war schon Nacht, als ich im Dorf anlangte. Die Straßen waren menschenleer und nur vereinzelt sah man einen Lichtschimmer durch den einen oder anderen Spalt eines Fensterladens. Vorsichtig schlich ich von Haus zu Haus huschend bis zum Dorfplatz, in dessen Zentrum ein hoher Mast stand, an dessen Spitze eine Glocke mit einem herabhängenden Seil befestigt war. Diese Glocke wurde geläutet, um die Dörfler zusammenzurufen, wenn es irgendwo brannte oder anderswertig Gefahr drohte. Zu Fuße dieses Mastens legte ich das blutige Stück Stoff. Danach zog ich mit zwei, drei kräftigen Zügen an dem Seil, bis die Glocke ihr, in dieser ruhigen Nacht weithin hörbares Läuten vernehmen ließ. Anschließend verließ ich unbemerkt das Dorf und kehrte auch nie mehr dorthin zurück. Es waren wohl einige Jahre vergangen, als ich in der Schenke einer größeren Stadt, weit entfernt von jenem Dorf, meinem ehemaligen Freund, den redseligen Schuster begegnete. Bei einem Humpen Bier erzählte mir der nun auch schon in die Jahre gekommene Geselle, dass jenes Dorf nicht mehr existiere. Alle die dort wohnten seien weggezogen, auf unnatürliche Art und Weise verstorben oder einfach spurlos verschwunden. Dies alles geschah nach jener seltsamen Nacht, in welcher, so glaubte man, der Geist des Mädchens ins Dorf gekommen sei, um die Gefahrenglocke zu läuten und um Unglück über die Bewohner zu bringen. Er schloss seine Erzählung mit den Worten, wohl mehr zu sich selbst als zu mir: „So viele junge Leben an die dunklen Götter dahingegeben, bevor dieses grausame Treiben endlich ein Ende fand!“

~ Aus der Feder von Scriptor Helius ~

Geschichte zu: „Das Lied des Fauns“

Ganz leicht verspürte ich noch jenen langsam schwindenden Zauber, der auf der Waldlichtung lag, als ich sie betrat. Wie ein sanftes Klingen in der Luft hüllte mich dieses Gefühl ein und gab mir zu verstehen, dass ich mich an einem ganz besonderen Ort befinde. Mächtig und wunderbar, berauschend und ausgelassen zugleich muss dieser Ort gewesen sein, als er hier noch lebte. Der Faun, der alles und jeden mit seiner Musik in seinen Bann zog. Eine Musik, nicht nur aus Tönen, sondern aus Gefühlen gewebt, umfing jeden der ihr lauschte.

Vom Rand der Lichtung aus blickte ich auf den vor mir liegenden, türkis glänzenden See. Bilder aus vergangenen Zeiten stiegen in mir auf, Bilder von rauschenden Festen mit ausgelassenem Tanz, Bilder von Nymphen und Bilder von zärtlichem Tun. Inmitten dieses fröhlichen Reigens stets der Faun, ein Teil des Ganzen und doch Allem enthoben. Mein Blick streifte wieder über die Lichtung, die nun von hohem Gras und Farnen überwachsen da lag. Die Sonne schien und der tiefgrüne Wald warf seinen Schatten auf eine, am Rand der Lichtung stehende, von Mos und Flechten überwachsene, verfallene Hütte - eine stille Erinnerung an die Heimat jenes wundersamen Wesens. Ich wollte mich schon zum Gehen abwenden, da stach mir noch ein flacher, ungefähr hüfthoher Stein inmitten der Lichtung ins Auge. Hier muss er wohl gesessen sein, mit seiner Flöte, um die Umgebung zu bezaubern. Eines fiel mir auf, als ich den Stein versonnen betrachtete. Obwohl alles umher bereits verwachsen und schon lange unberührt erschien, präsentierte sich der Stein glatt und blank, als ob auch jetzt noch täglich jemand darauf säße und seine Flöte spiele. Ich verließ die Lichtung, um meine Wanderung fortzusetzen und dachte bei mir: „Vielleicht kommt ja die Zeit, wo er sich auch uns Menschen wieder zeigt und uns am Lied des Fauns teilhaben lässt.“

~ Aus der Feder von Scriptor Helius ~

Holt das Fass

Auf meinen Wanderungen kam ich natürlich viel umher und da ich die Gesellschaft liebte, suchte ich auch gerne des öfteren die eine oder andere Schenke oder Taverne auf. Bei einem kühlen Humpen und einem würzigen Eintopf unterhielt ich mich mit den Gästen oder dem Wirt und ließ mir so manche Geschichte erzählen oder gab selbst eine zum Besten.

Eine Schenke, in die ich stets gerne einkehrte, lag in einem kleinen Städtchen, durch das mich meine Wanderungen gelegentlich führten. Die Schenke war auch immer gut besucht, nicht zuletzt aufgrund der guten Kundschaft aus der naheliegenden Kaserne. Abend für Abend besuchten die braven Soldaten die Schenke, um ihre freien Stunden mit Bier, Gesang und anderen Vergnügungen zu verbringen. Mit diesen Soldaten - alle keine großen Krieger, aber das Herz am rechten Fleck - erlebte ich so manchen heiteren Abend. Trinkfest und gut gelaunt wurde gebechert und gescherzt, oft bis der erste Hahn krähte oder der Wirt die Gesellen vor die Tür verfrachtete, um den Schankraum für den neuen Tag herzurichten. Auch den Hauptmann, ein an sich gutmütiger Kerl von der Statur eines Bären, kannte ich ganz gut. Der Arme hatte es jedoch nicht leicht mit seiner Truppe. Es mit dem Dienst und dem Wachestehen nicht so genau nehmend, traf man einige von ihnen eher öfters im Kerker zum ausnüchtern als auf der Wachmauer an.

So begab es sich wiedermal eines Abends, dass sich einige der durstigen Soldaten, deren Dienst gerade vorbei war, in der Taverne einfanden, um ihren stets großen Durst zu stillen. Da nach einer längeren Wanderung auch meine Kehle ziemlich trocken war, setzte ich mich gerne zu ihnen, um mit einem kühlen Bier auf einen netten Abend zu prosten. Der Abend entwickelte sich sehr heiter - Geschichten wurden zum Besten gegeben und dem Bier und Wein wurde reichlich zugesprochen. Auch als sich die Stunde schon der Mitternacht näherte, dachte man nicht ans Nachhausegehen, da man den Hauptmann in der Ferne wusste. Als das erste Morgengrauen durch die Tavernenfenster schimmerte und manche ihren schweren Kopf bereits auf die Tischplatten sinken hatten lassen, saßen andere noch immer beim Würfelspiel oder mit einer netten Maid im Arm an den Tischen und dachten nicht an eine Rückkehr in die Kaserne. Auch ich stützte meinen von Bier, Wein und Met schweren Kopf bereits auf beide Arme und döste vor mich hin. Ein lautes Krachen, das sich sehr nach einem zerspringenden Humpen anhörte, riss mich aus meinem Halbschlaf.

Noch etwas beduselt blickte ich mich im Raum um, als auch schon ein Metbecher an meinem Kopf vorbei zischte. Mehr aus Instinkt als aus Geistesgegenwart zog ich diesen auch sogleich ein und duckte mich unter meinen Tisch. Von dort aus erspähte ich einen der tapferen Soldaten am Boden liegend, mit einer ordentlichen Beule auf der Stirn und Resten eines zerborstenen Humpens und Bier im Haar. Seine beiden Kameraden, mit denen er kurz zuvor noch beim Würfeln war, rollten ineinander verkeilt über den Tavernenboden und stießen Beschimpfungen aus. Schlagartig erwachte die gesamte Taverne zum Leben und mischte sich in diese schöne Rangelei mit ein. Humpen, Becher und Flaschen flogen, Tische und Bänke krachten unter der Last des einen oder anderen Kämpfers zusammen, Fässer und Rangelnde rollten durch die Taverne und alles mit einer Begeisterung, wie man sie sonst bei den Braven bei ihrer Arbeit auf der Wachmauer nur selten sieht. Ich stand in einer Ecke und betrachtete das Ganze mit einem Schmunzeln. Hin und wieder wehrte ich einen durch die Luft fliegenden Gegenstand ab oder feuerte den einen oder anderen in der Menge mit meinen Rufen an. Das Ganze war recht spaßig anzusehen. Manche bewegten sich flink und behände durch die Raufenden, teilten geschickt Ohrfeigen und Kopfnüsse aus und verpassten Tritte in den Allerwertesten. Andere bewegten sich wie wilde Ochsen durch die Menge und nahmen jeden in den Schwitzkasten, der den Fehler machte, in ihre Reichweite zu kommen. Obwohl alle nicht zimperlich bei der Sache waren, bereitete diese zünftige Rauferei den meisten doch ziemlichen Spaß.

Die holde Weiblichkeit hatte sich indes hinter die Theke zurückgezogen, um von dort aus das muntere Schauspiel zu verfolgen. Auch aus ihren Gesichtern sprach die Begeisterung und man vernahm ihre Anfeuerungsrufe, die sie einem Geliebten oder Verehrten zuriefen. Sogar der dicke Wirt hatte sich vor der Theke postiert und konnte es sich nicht verkneifen, seine Bratpfanne auf den einen oder anderen heruntersausen zu lassen. Mit hochrotem Kopf von der Anstrengung, aber vor Aufregung leuchtenden Augen stand er da und wartete darauf, dass er wieder einen schönen Treffer landen konnte. Als ich so die zerborstenen und zerschlagenen Tische und Bänke betrachtete, die allesamt schon einen sehr alten und schäbigen Eindruck machten, kam mir so der Gedanke, dass das alte Schlitzohr von Wirt wahrscheinlich ganz froh über das Treiben war, da er so auf neue Möbel hoffen konnte, finanziert durch den Sold des einen oder anderen munter dreinschlagenden Kämpfers.

Alle waren so gebannt von dem chaotischen Spektakel, dass niemandem auffiel, wie plötzlich die Tavernentür aufging und der Hauptmann breitschultrig im Türrahmen stand und das Treiben verfolgte. Auch sein Kopf war hochrot, doch weniger vor Anstrengung als mehr vor Zorn und Entsetzen. Auch eine gewisse Resignation spiegelte sich in seiner Miene wieder. Mit einem lauten „Aufhören, ihr Hurensöhne!“, versuchte er dem Ganzen ein Ende zu setzen. Der Arme musste mehrmals die Stimme erheben, und dabei kamen ihm immer derbere Flüche über die Lippen, um endlich Ruhe in die Taverne einkehren zu lassen. Als die Soldaten ihren Hauptmann erblickten, ließen voneinander ab und schuldbewusste Mienen standen in ihren Gesichtern. Auch der Wirt blickte etwas beschämt drein und verzog sich schleunigst hinter seine Theke. Mit Kniffen, Stößen und Beschimpfungen verfrachtete der Hauptmann einen nach dem anderen seiner Soldaten vor die Taverne und mehrere Köpfe wurden in das kalte Wasser des Pferdetrogs getaucht, der vor der Taverne stand. Auch ich wurde vom Hauptmann mit einem aufmunternden Klaps auf den Hinterkopf aus dem Schankraum befördert. Er hätte wahrscheinlich auch den Wirt mitgenommen, wenn dieser sich nicht schon eilfertig in die Küche zurückgezogen hätte und dabei wie zufällig die Küchentür hinter sich verriegelt hätte.

Also scheuchte der Hauptmann nun seine, noch vor Anstrengung und den Blessuren stöhnenden und Ächzenden, sich den Kopf und den Hintern reibenden Soldaten vor sich her bis zur Kaserne. Dort schloss er den Kerkerraum auf und trieb uns alle hinein. Mit einem Fluchen schloss er dann wieder ab und versprach uns Hurenböcken, Nichtsnutzen und Trunkenbolden Arrest für den folgenden Tag und die Nacht. Mir tat der Arme ja fast ein wenig leid. Da nun seine Soldaten im Kerker verweilten, musste er sich wieder selbst auf die Wachmauer stellen, um für den kommenden Tag Wache zu schieben. Ich blickte mich im Kerkerraum um und war erstaunt. Ich hatte schon schlimmere Unterkünfte erlebt. Der Raum war trocken und das Stroh am Boden relativ frisch. So ließ ich mich, es meinen Leidensgenossen gleichtuend, immer noch etwas beduselt vom nächtlichen Gelage, auf das Stroh sinken und schlief erstmal meinen Rausch aus.

Der Tag dürfte sich schon gegen Ende geneigt haben, als ich wieder munter wurde und zu meinem Leidwesen feststellte, dass ich schon wieder einen ziemlichen Durst hatte. Auch mein Magen fing an zu knurren. Nach und nach wachte einer nach dem anderen auf und eine muntere Unterhaltung entwickelte sich, über vollbrachte Heldentaten in der letzten Nacht und wie tüchtig man sich gegenseitig eingeschenkt hatte. Aber auch mit dem Hunger und dem Durst war ich nicht allein und so staunte ich nicht schlecht, als man beschloss, wieder die Taverne aufzusuchen. Auf meine Frage hin, wie wir denn aus dem Kerkerraum kommen sollten, grinsten sie verschwörerisch. Da standen zwei auf und stellten sich ungefähr in die Mitte des Raumes. Einer der beiden, ein recht stämmiger Geselle, stellte sich breitbeinig hin und machte mit den Händen eine Räuberleiter. Sogleich kletterte der zweite mit Hilfe der Räuberleiter hoch und hielt sich mit einer Hand an einem der hölzernen Querbalken fest. Mit der anderen Hand fuhr er die Oberseite des Querbalkens entlang und zog dort aus einer Vertiefung, die von unten nicht ersichtlich war, einen kleinen Schlüssel hervor. Danach hüpfte er wieder auf den Boden, hielt mir grinsend den Schlüssel unter die Nase und meinte: „Wir nehmen die Hintertür!“ Verwundert blickte ich mich im Raum um, denn von einer Hintertür hatte ich bis jetzt noch nichts wahrgenommen. Außer Wänden, bestehend aus massiven Holzbohlen, konnte ich auch nichts entdecken. Da trat der Soldat mit dem Schlüssel zu einer der Wände und steckte den Schlüssel in einen kleinen Spalt, welchen ich lediglich für ein winziges Astloch gehalten hatte und verdrehte den Schlüssel. Mit einem leisen Knarren schwang plötzlich ein Teil der Holzwand, gerade so groß, dass man gebückt durchschlüpfen konnte, zurück und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne leuchteten zu uns herein. Einer nach dem anderen schlüpften wir durch die kleine Tür aus dem Kerkerhaus und verschlossen die Tür hinter uns wieder. Ich musste anerkennend nicken, die Tür war gut gelegen. Wir befanden uns bereits außerhalb der Kasernenmauer und so fiel es uns nicht schwer, in einem günstigen Moment, als der Hauptmann gerade seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtete, über den kleinen Platz zu huschen und in einer Seitengasse zu verschwinden. Gut gelaunt und nun schon mit einem ordentlichen Hunger und Durst fanden wir „Freigelassenen“ uns wieder in der Taverne ein. Der Wirt war nicht untätig geblieben und hatte den Großteil der zerstörten Tische, Bänke, Flaschen, Becher, und was sonst noch so in Mitleidenschaft gezogen wurde, bereits weggeräumt und neue, jedoch noch etwas behelfsmäßig wirkende Sitzmöglichkeiten aufgestellt. So saßen wir also wieder da, auf umgedrehten Kisten und Trögen, auf kleinen leeren Fässchen und mit Stroh gefüllten Säcken und ließen uns an Humpen füllen, was noch ganz geblieben war. So verbrachte ich einen weiteren schönen Abend mit Trank, Weib und Gesang im Kreise dieser braven Soldaten.

Als bereits der Morgen anbrach, rappelten wir uns hoch und schlichen uns heimlich zurück ins Kerkerhaus, um noch ein wenig Schlaf zu bekommen, bevor uns der gute Hauptmann wieder frei ließ.

~ Aus der Feder von Scriptor Helius ~

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